Hauptstadt des Grünen

Foto: Qualle

Nick Nuttall blickt aus 115 Metern auf die Bonner Rheinaue und lächelt. “Ich muss mich immer noch kneifen, wenn ich daran denke, dass Bonn bald der Nabel der Klima-Welt sein wird.” Von hier oben, auf der Dachterrasse des Langen Eugen, sieht der Sprecher des Klimasekretariats der Vereinten Nationen das glitzernde Band des Rheins, das Siebengebirge, den Kottenforst – und einen Landschaftspark, der sich kilometerweit erstreckt und mit seinen 160 Hektar fast so groß ist wie die Bonner Innenstadt.

Der gebürtige Brite hat lange in Nairobi gelebt, seit vier Jahren ist die Bundesstadt sein Zuhause – und der UN Campus sein Arbeitsplatz. Sein Büro liegt eigentlich im alten Abgeordnetenhochhaus nebenan, aber Besucher nimmt Nuttall gerne mal mit auf den Langen Eugen, der spektakulären Aussicht wegen.

Von unten klingt Hämmern und Sägengekreisch herauf, Handwerker zimmern an der Zeltstadt, die inmitten der Rheinaue die Besucher der 23. UN-Klimakonferenz aufnehmen wird. Bis zu 26.000 Gäste werden erwartet, wenn unter der Präsidentschaft von Fidschi 12 Tage lang über den Kampf gegen den Klimawandel diskutiert und verhandelt wird. Der Inselstaat im Südpazifik würde mit diesem Ansturm nicht fertig und hat daher Bonn als Austragungsort des Gipfels gewählt. Dass sich ein Teil der Klima-Kämpfer in dieser grünen Lunge trifft, passt zu Bonn, das mit seinen gut 318.000 Einwohnern zwar eine mittlere Großstadt ist, aber von Bergen und Wäldern umarmt wird. Nähe und Nachhaltigkeit, Idylle und Internationalität – die einstige Hauptstadt bringt all das zusammen. Das hat nicht nur Nuttall gemerkt, der Meetings gerne mal in einen Biergarten am Rhein verlegt und dann hinradelt. “Wenn ich früher nach Bonn kam, fand ich es ‘cute’. Aber unter dieser Oberfläche ist es sehr kosmopolitisch, hier treffen sich fast täglich Menschen aus aller Welt.”

Das liegt natürlich vor allem an den Vereinten Nationen und ihren Mitarbeitern, die am Rande der Rheinaue im einstigen Regierungsviertel arbeiten. Rund 500 sind es alleine im Hauptsitz des Klimasekretariats im alten Abgeordnetenhochhaus und im Langen Eugen. Und wie ein Magnet Eisenspäne, so zieht auch der UN Campus immer mehr Institutionen und Organisationen an, die sich mit den Themen Umwelt, Nachhaltigkeit und fairer Handel beschäftigen. NGOs wie Fairtrade International sind darunter, das Weltsekretariat von ICLEI, einem Städte-Verband für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung, oder der Weltverband für Windenergie, WWEA.

“Bonn will die Marke Nachhaltigkeit ausbauen”, erklärt auch (…) Oberbürgermeister Ashok Sridharan von der CDU. Dazu gehört nicht nur, dass Bonn 17 Millionen Euro aus Bundesmitteln bekommt, um den UNO-Standort zu stärken. Man will auch beweisen, wie grün die Heimat der Klimaschützer tatsächlich ist: Beim freiwilligen Ziel der CO2-Reduzierung liegt man über dem Soll, knapp 22 Prozent weniger klimaschädliches Gas verursacht jeder Bonner verglichen mit 1990; die Stadtwerke gewinnen 70 Prozent des Stroms aus Wind, Wasser oder Sonne; ein Projekt hat bislang 7000 Grundschülern gezeigt, wie sie nachhaltiger essen, waschen, wohnen können; Sridharan fährt mit einem Hybrid; und die Dienstkleidung der städtischen Gärtner stammt aus fairer Produktion.

Sechs Elektrobusse surren inzwischen durch die Straßen Bonns, beim Klimagipfel werden sie die Besucher aus aller Welt zwischen World Congress Center und der Zeltstadt hin- und herfahren. “Ich bin beeindruckt von dem Willen der Stadt, diese Idee der Nachhaltigkeit tatsächlich zu leben”, sagt Nick Nuttall, der die Stadtwerke bei der Einführung der Busse beraten hat.

Auch Darío Soto Abril hat bemerkt, dass man es in der ehemaligen Hauptstadt genau nimmt mit dem Umweltschutz: “Die Leute recyceln, meine Frau ist mittlerweile eine echte Recycling-Expertin geworden”, sagt der Chef von Fairtrade International leicht amüsiert.

Neben der deutschen Gründlichkeit in Sachen Mülltrennung gefällt dem Kolumbianer aber noch etwas anderes an seiner neuen Heimat; etwas, das auch seine Besucher aus Asien, Afrika und Amerika immer wieder lobten. “Bonn ist eine grüne Stadt, es ist eine Stadt der kurzen Wege, es ist eine entspannte Stadt.” Als er im Februar umzog, habe ihm aber auch ein kultureller Brückenschlag bei der Eingewöhnung geholfen: “Ich kam an, es gab Karneval, das hat mir gefallen.”

Der rheinische Frohsinn ist übrigens selbst bis zum UN Campus vorgedrungen – was zeigt, dass nicht nur die internationalen Klimaarbeiter die Bundestadt verändern, sondern der Geist Bonns auch sie. “Die Vereinten Nationen haben einen eigenen Karnevalsverein, sie nehmen am Umzug teil, es gibt eine Karnevalsprinzessin, die Universa”, sagt der Oberbürgermeister und klingt sehr zufrieden dabei.

Es wäre ein interessantes Gedankenexperiment, welchen Aktivitäten die Mitarbeiter der UN und der NGOs wohl nachgingen, wäre der Klima-Nabel der Welt in Berlin und nicht an den Ufern des Vater Rheins. In Bonn jedenfalls schunkeln die UN. Beim “International Cooperation Cup” kicken alljährlich Mannschaften von Organisationen der Entwicklungs- und internationalen Zusammenarbeit auf dem Venusberg. Die Volkshochschule bietet Kochkurse und Stadtführungen auf Englisch an. Und mit den “Bonn International Hikers” können die Expats das Siebengebirge erwandern.

Nick Nuttall übrigens schätzt nicht nur den Espresso im “Contigo fairtrade shop” in der Altstadt, er trinkt auch gerne ein Glas Riesling im “Zum Treppchen”, einem Ort deutscher Gemütlichkeit seit 1883. Einmal im Monat trifft man den Briten im Folk Club Bonn, dort tritt Nuttall, der sich mal an einer Karriere als Popstar versuchte, gelegentlich auch auf. Schöner als dort könnte man die Bonner Melange aus weltläufig und weinselig nicht auf den Punkt bringen: Der Sprecher des UN-Klimasekretariats steht in Dottendorf auf der Bühne, im Vereinsheim des Bonner Hockey- und Tennisclubs.

Erschienen in “mobil”.

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